b l o g

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Hier finden sich taufrische Texte. Oder unfertige Gedanken zu allem, was um mich herum geschieht. Fundstücke und Inspirationen. Und manchmal auch ein Gedicht von einer Freundin oder einem Freund.
Also: Herzlich willkommen am großen Tisch, der mit tausendblauen Worten gedeckt ist!

1. Januar 2026

Das wäre mein Wunsch

Dass im neuen Jahr

ein Platz an jedem Tisch ist

für Freunde und Gäste

auch für die unerwarteten

dass das Brot für alle reicht

und der Wein oder Tee

mehr braucht es nicht

das wäre mein Wunsch

Dass von unseren Lippen

Friedensworte tropfen

oder Mutworte

oder ein aufrichtiges Bekenntnis

zur Liebe

dass unsere Hände

die Strauchelnden halten

im richtigen Moment

Dass ein gerader Rücken

sich schützend stellt

vor die Entrechteten

die Übersehenen

und die Bedrohten

und ein gerader Arm

zur Grenze wird

der Gefahr

Dass das Blau des Himmels

den Kindern gehört

überall auf der Welt

die leichthin

über die Straße rennen

den schwerelosen Ball

zu fangen

ohne Angst

Und dass sich in unseren

staunenden Augen

eine friedliche Welt spiegelt

Menschen

die aus einem Krug trinken

die sich erinnern

an das eine Paradies

das in ihnen wohnt.

2. November 2025

  1. Januar 2020

Ich liebe es, Briefe zu schreiben. Schon immer und – auch wenn ich damit hoffnungslos oldschool bin – bis heute. Ich mag diese Stille beim Schreiben, den Duft vom Papier, das leise Kratzen des Stiftes und die ungestörte Verbundenheit mit der Person, an die ich schreibe. Es gibt Freunde, mit denen ich seit Jahren und Jahrzehnten im Briefkontakt stehe. Wir schreiben uns hin und her, nicht oft, aber intensiv. Wir erzählen von uns, von den Kindern, vom Leben und von der Welt. Vom Führerschein des Sohnes bis zur Lage in Amerika hat alles auf einem Blatt Papier Platz. Die Antwortbriefe hebe ich auf, es gibt schon mehrere solcher Briefkisten in meiner Wohnung. Und es gibt Briefe, die mir sehr viel bedeuten, die ich fast auswendig kann ,so oft habe ich sie gelesen. Wortschätze, die von Freundschaft und Liebe erzählen. Sie haben sich in mein Leben eingeschrieben.

Je älter ich werde, desto mehr liebe ich diese Form der Kommunikation. Weil sie so langsam ist. Ich überlege, sinne nach, schreibe. Der oder die Andere liest, bedenkt, fühlt, schreibt. Undsoweiter. Es ist ein ganz anderer Austausch als der schnelle Schlagabtausch von Worten und Argumenten, ohne wirklich zuzuhören oder gar nachzusinnen. Was wäre das, wenn in der Talkshow jemand sagt: Da muss ich erstmal darüber nachdenken. Mir würde das sehr gefallen! Selbst die digitale Kommunikation, die ohne Frage vieles vereinfacht, verführt dazu, immer gleich zu antworten. Mein Stift sagt mir: Lass Dir Zeit. Und nimm Dir Zeit. Lass die Worte wirken. Lass die Antwort wachsen. Und wenn du weisst, was du schreiben willst, dann schreib. Vielleicht sind Briefe heute das sanfteste Kommunikationsmittel: Langsam, geduldig, gereift. Die Freundschaften, die durch sie gehalten werden, sind es auf jeden Fall.

5. Oktober 2025

Worte schreiben

erste Worte

auf ein leeres Blatt

beschreiben

was ist

oder

schreiben

was sein könnte

was werden kann

was wird

die Zukunft

herbei schreiben

der Zeit

voraus schreiben

das Werden beschreiben

vielleicht wird wahr

was geschrieben wurde

weil es geschrieben wurde

weil es erhofft wurde

oder erträumt

Vergangenheit

Gegenwart

Zukunft

auf dem weißen Blatt

ist alles jetzt

Worte schreiben

für das Andere

das kommen soll

die Welt

von der ich träume

von den blühenden

Bäumen schreiben

und den lachenden

Kindern und den

atmenden Meeren

und dem leeren Blatt

vertrauen dass es

wahr werden lässt

was wir schreiben

immer wieder

immer wieder

schreiben

bis es

wahr

ist

@FH 10/25

9. Juli 2025

In diesen Tagen muss ich aufpassen, dass mich die vielen Krisen, die wir gerade erleben, nicht lähmen. Mich überfordert die Komplexität der Probleme, die gerade auf uns herein prasseln, die Kriege, der Klimawandel, die Fluchtbewegungen und ihre Reaktionen darauf, die wachsende soziale Ungerechtigkeit überall. Ich bin froh über alle, die hier Beiträge dazu schreiben, mit denen ich mich verbinden und die ich teilen kann, weil ich das alles gar nicht überschauen und durchdenken kann. Es ist zuviel.

Und dann denke ich wieder: Nein. Aufgeben ist keine Option. Gerade jetzt nicht. Jetzt braucht es mich. Und dich. Und alle. Es braucht zivilen Widerstand. Es braucht klare Haltungen. Und es braucht Menschen, die etwas tun. Auch wenn es wenig ist. Es gibt einen „Optimismus des Willens“, sagt Maja Göpel. Und er beginnt mit unserer Entscheidung, uns eben nicht lähmen zu lassen.

Deshalb: Fass dir ein Herz. Such dir ein Projekt. Fang an. Irgendwo. Nimm dir ein Thema, das dich berührt. Und dann entscheide dich, etwas zu tun. Etwas, das die Welt an einer winzigen Stelle heller macht.

Und, nein, sag nicht: Aber China! Aber die Superreichen! Aber die Regierung!

Sag: Auf mich kommt es an. Ich gehe einfach los.

Kaufe Bio-Lebensmittel. Oder Second-Hand-Kleidung. Oder Fair-Trade-Produkte. Verweigere dich diesem unersättlichen Konsum-Diktat unserer westlichen Welt. Dem Überkonsum, dieser Pest, die uns zerfressen hat und den Planeten gleich mit. Iss weniger Fleisch oder gar keins mehr. Fahr Fahrrad statt Auto.

Wenn du Zeit hast, hilf jemandem aus deiner Nachbarschaft. Mache ein Frühstücksbrot für ein Kind, dessen Eltern das nicht schaffen. Hilf bei Hausaufgaben. Bei Einkäufen. Biete Deutschkurse an. Besuche jemanden, der einsam ist.

Oder spende an Gemeinnützige Organisationen. Den Seenotretter*innen wurden gerade Gelder gestrichen, die können jeden Cent gut gebrauchen. Oder an die Klimaschutzbewegung.

Oder an den Tierschutz.

Such dir etwas, das dir entspricht. Irgendetwas. Geh einen ersten Schritt. Vielleicht gehen andere mit, vielleicht kann daraus etwas wachsen. Aber geh los.

Ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit, der Lähmung zu entkommen: In dieser Überfülle der Krisen einen Faden herauszuziehen und den zu verfolgen. Das Eine zu tun. Nur das. Aber das mit Beharrlichkeit und Liebe.

Es ist wie mit Luthers Apfelbäumchen. Und das ist nicht naiv. Das ist mutig und konsequent. Und wenn morgen die Welt unterginge, dann möchte ich heute noch etwas getan haben, um das verhindern. Und wenn es das letzte ist, was ich tue.

Und wer weiß, wenn viele sich aufmachen, vielleicht können wir mehr verändern, als wir denken!

#suchdireinprojekt

Screenshot

20. Mai 2025

Demokratie in ihrer wirksamen Form braucht Empathie. Die Volksherrschaft setzt voraus, dass der Einzelne sich in die Welt der Anderen hineinversetzen kann. Dass er nachempfindet, was andere Menschen fühlen und erleben. Demokratie lebt notwendig davon, dass Menschen in der Lage sind, über sich selbst hinauszuschauen, um sich sinnvoll für das Gemeinwohl zu engagieren.

Und damit steht Demokratie im Widerspruch zum ungezügelten Kapitalismus, wie wir ihn gerade auf dem Vormarsch erleben. Die soziale Marktwirtschaft war noch der Versuch, beides zu verbinden. Jetzt erstarkt in der westlichen Welt ein „We first! -Geist“, dessen Antrieb die einzelne Gier ist.

In solchen Zeiten wird Empathie zum revolutionären Akt. Sie überwindet die Grenzen der verschiedenen Interessengruppen, sie schafft Verbindung und stellt Kontakt her – auch dann, wenn Interessen oder Meinungen vollständig auseinandergehen.

Empathie ist keine Strategie, sie ist eine Haltung. Sie löst keines der dringenden Probleme unserer Zeit, aber sie schafft Raum – den Raum, den es braucht, um in Ruhe gemeinsam nach kreativen Lösungen zu suchen.

Ich kann mich in das Leiden einer Mutter in Gaza genauso einzufühlen versuchen wie in den tiefen Schmerz der Mutter einer israelischen Geisel. Und das sagt noch nichts darüber aus, wo ich in diesem Konflikt stehe oder wie ich ihn bewerte, sofern ich das überhaupt kann. Ich kann mit russischen Familien mitfühlen, die ihre Söhne in diesem irrsinnigen Krieg verloren haben, wie mit ihren ukrainischen Nachbarn, die in ständiger Angst und Bedrohung leben. Empathie beendet keinen Krieg, aber sie kann verhärtete Fronten aufweichen in Gesprächen und Aktionen.

Empathie ist eine beharrliche Antwort auf die Ohnmacht, der ich mich oft ausgeliefert fühle. Ich kann mich jeden Tag, jeden Augenblick dafür entscheiden, zu warten, bevor ich eine Meinung erwidere, den Raum entstehen zu lassen, den Frieden zu fühlen und zuzuhören, worum es dem anderen geht. Und somit die Verbundenheit zu kreieren, die wir brauchen. Als Menschen, als Gemeinschaft, als Demokratie.

10. März 2025

Früher Frühling

Die Sonne kippt

ihr Licht in die Stadt

noch atmen

die Häuserwände

Kälte aus

Die Amsel singt

ihr Liebeslied

in den Morgen

und unten im Fluss

schwimmt der Winter

davon

Der Himmel gibt

sein Leuchten frei

die Erde

ihr Grün

und vielleicht

die Menschen

ihr Herz

damit die Schwalben

wenn sie zurückkehren

ein warmes Nest finden

unter unseren Dächern.

16. Februar 2025

Es ist höchste Zeit für eine Allianz der Friedfertigen im Land. Wir brauchen eine Achse der Menschlichkeit gegen diese irrsinnige Gewalt auf allen Seiten. Und diese Achse geht eben nicht entlang der vielbeschworenen Grenzen der Herkünfte der Menschen, sondern entlang ihrer Solidarität und Großherzigkeit. Wir brauchen eine Allianz aus Migrant*innen und „Nurdeutschen“, wie mein bengalisches Nachbarsmädchen immer sagt. Wir müssen uns verbünden mit allen, die hier bei uns leben und unseren Alltag teilen. Mit denen, die tagtäglich in x-beliebigen Krankenhäusern deutsche Leben retten und deutsche Bettpfannen leeren, die deutsche Büros putzen, wenn wir noch schlafen, und deutsche Busse durch verstopfte Innenstädte lenken. Ich kann diese ganzen Grenzschließungspläne nicht mehr hören. Sie sind völlig widersinnig. Ein großer Teil der Migrant*innen hier sind genau vor dem islamistischen Terror geflohen, der jetzt als Grund herangezerrt wird, sie auszuweisen. Und wir dürfen vermuten, dass es längst rechts-islamistische Connections gibt, die letzten Anschläge passen zu gut ins Bild der Rechten so kurz vor den Wahlen. Und Rechte und Islamisten haben zu deutliche inhaltliche Überschneidungen: ihr Hass gegen Freiheit und Liberalismus, ihr Wunsch nach einer gespaltenen Gesellschaft, ihr glühender Antisemitismus. – Wir brauchen eine Verbundenheit gegen diesen Irrsinn, ein soziales Gewebe aus Menschlichkeit und Klarheit, ein Miteinander in Frieden und eine faire Auseinandersetzung über die Werte, die wir teilen wollen. Dieser ganze Hass führt zu nichts als zu Zerstörung und noch mehr Zerstörung. Imagine Peace – alle zusammen, die das noch können.

26. Januar 2025

Große Vorfreude!

Ich lese mit Fredy Wettstein und Lukas Langenegger am Sonntag, dem 2. März um 11.00 in Küsnacht bei Zürich.

Und danach am 7. März in der Buchhandlung Im Roten Haus in Nürtingen, also in meiner Bücherheimat. ❤

Ich freue mich aus vollem Herzen auf Euch!

2. Januar 2025

Wähl dir ein Wort
das dein erstes
sein soll

auf den leeren
Seiten
des neuen Jahres

Ja
vielleicht
oder Nein

Sehen
oder Hören
Zuhören

wäre ein
lohnenswertes
Ziel

Wähl dir ein Wort
einen Namen
vielleicht

den Namen
deiner Liebsten
oder

deinen
eigenen
Namen

Sei
dein
Anfang.

FH 1/25

29. Dezember 2024

Was siehst du

Was siehst du

wenn du zurückschaust

Siehst du die Berge von Arbeit

den Rest vom Brot

die Risse in den Mauern

und den angefangenen Brief

Siehst du die ungelesenen Bücher

die abgebrochenen Gespräche

all die vertanen Chancen und

die verschlossene Tür

Was siehst du

wenn du zurückschaust

Siehst du den Schnee auf den Dächern

und die Blüten im Frühling

die Schaumkronen auf den Wellen

und den Vogel im Baum

Siehst du den Glanz in den Augen des Freundes

das Lächeln der Kinder

die Teller auf dem Tisch mit Kerzen und Wein

und den einen Stern am Abend

Was siehst du

wenn du zurückschaust

welches Bild nimmst du mit

auf dem Weg ins Neue

Vielleicht

den einen Moment der Begegnung

den flüchtigen Händedruck

das leise Verstehen

Oder

den Abendwind über den Gräsern

ein Wort ein Lied ein Gedicht

und ein Licht über dem Wasser

Was du mitnimmst

bleibt in dir

wird neu geboren

in jedem Moment

Was siehst du

wenn du zurückschaust

Was nimmst du mit

7. Dezember 2024

Wer zu Weihnachten signierte Bücher verschenken mag – hier gibt es einige davon! Worte sind immer ein hoffnungsvolles Geschenk, weil sie ein Anfang sein können – der Anfang eines Gesprächs, eines Staunens oder eben einer Hoffnung. Schreibt mir eine PN oder eine Mail an tausendblau@gmail.com. Dann machen sich die Bücher zu Euch auf die Reise.

weihnachtspsalm

noch

sind die träume nicht

ausgeträumt

noch

blühen rosen in

zerstochenen fingern

noch

fällt ein stern

in die nacht

noch

schlägt die hoffnung

einen pfad durch die

dornen

noch

wächst das herz

in den himmel

noch

atmet der

engel im tor.

aus meinem Buch: Du dunkles Licht

31. Oktober 2024

Maria habe ich vor vier Wochen kennengelernt. Sie kam in die kleine Gemeindebibliothek, in der ich einmal in der Woche mit Kindern lese. Maria ist neun. Sie ist in Deutschland geboren, ihre Familie stammt aus Albanien und Italien. Maria spricht drei Sprachen fließend (deutsch, albanisch und italienisch) – „und ein bisschen englisch, natürlich“, sagte sie, als ich darüber staunte. Natürlich.

Maria liebt Bücher. Sie betrat den Raum wie ein Heiligtum und strich ehrfürchtig mit dem Finger über die Rücken der Bücher: „Die darf ich alle ausleihen?“

„So viele du willst“, sagte ich und hätte besser sagen sollen: „So viele du tragen kannst“. Maria balancierte einen riesigen Stapel nach Hause. Eine Woche später kam sie mit der Hälfte wieder zurück, strahlend: „Ausgelesen!“

Wenn Maria da ist, nimmt sie sich ein Buch und liest es uns vor. Mir, ihrer kleinen Schwester und den anderen Kindern des Lesekreises. Wenn ich sie dabei anschaue, sehe ich, wie sie ganz in die Geschichten eintaucht, ganz darin versinkt. Maria lebt in in den Geschichten. Als ich ihr neulich zuhörte, kurz nach den Wahlen in Thüringen, da dachte ich: bei so einer kleinen Person, die in sich die Vielfalt europäischer Kulturen und Sprachen trägt und in Büchern zu Hause ist, hätten es die blaubraunen Rattenfänger schwer, ihre menschenfeindlichen Gedanken ins Hirn zu pflanzen. Weil Marias Hirn bevölkert ist von Jim Knopf und Pippi Langstrumpf, den Olchis und Findus und dem Sams. Marias Welt ist bunt und vielseitig, liebevoll und menschenfreundlich. Mir fiel Gene Knudsen Hoffmanns Satz ein: „Ein Feind ist jemand, dessen Geschichte du noch nicht gehört hast.“ Vielleicht stimmt ja auch die Umkehrung: Je mehr Geschichten einer kennt, desto weniger Feinde sieht er überall. – Genau deshalb bin ich froh über jede kleine Bibliothek, die es gibt. Und glücklich über jedes Kind, das den Weg dahin findet. Wie Maria.

22. August 2024

Ich lese wieder! Und freue mich riesig darauf -gemeinsam mit Fredy Wettstein und Lukas Langenegger in Küsnacht in der Schweiz, am 3. November 2024. – Ich staune immer wieder darüber, welche Wege meine Gedichte finden, um bei den Menschen zu sein. Und es ist ein großes Geschenk für mich, diese Wege einfach gehen zu dürfen. Jede Lesung ist eine eigene Welt, die durch die Menschen gebildet wird, die gekommen sind um zu hören und zu reden – um gemeinsam in Kontakt zu sein.

8. August 2024

Reisen

Neulich im Zug, in irgendeiner niederbayrischen Regionalbahn, irgendwo an der Grenze zu Franken. Neben mir im Abteil saß ein älteres Ehepaar: Ein zierlicher Mann mit strubbeligen Haaren und lustigem Schnauzbart, neben ihm eine barocke resolute Dame mit steng nach hinten gezogenem Dutt. Sie fiel mir auf, weil sie so aufrecht saß und schön geschminkt war, mit sehr roten Lippen. Ich mag es, wenn Frauen sich nicht von ihrem Alter davon abhalten lassen, das Leben, die Welt und den Mann ihres Herzens mit roten Lippen zu küssen. Neben ihnen stand friedlich ein riesiger Koffer.

Ihnen gegenüber saß ein junger Mann, schlank, schwarze Haare, und telefonierte. Er sprach leise in sein Handy und, als er den Blick der resoluten Dame wahrnahm, sprach er noch leiser. Irgendwann beendete er das Gespräch und stecke das Handy in seine Tasche.

„Was für eine Sprache war das?“ fragte die Dame, und es klang ehrlich interessiert.

„Syrisch“, sagte der junge Mann.

„Sie kommen aus Syrien?“ – In der Stimme klang Mitgefühl.

„Ja.“

„Sind Sie schon lange hier?“

„8 Monate“

„Und wie geht es Ihnen?“

„Es geht gut. Ich habe Freunde hier.“ – Er zeigte dabei nach vorn, dorthin, wohin der Zug fuhr. „Ich fahre sie besuchen. Ich bin froh, hier zu sein.“ Ein Schatten flog über sein Gesicht, während der Zug durch die Landschaft ratterte.

Er erzählte leise noch etwas, dann fuhr der Zug langsam in den Bahnhof ein. „Ich wünsche Ihnen alles Gute“, sagte die Frau zum Abschied.

Das Ehepaar erhob sich, der zierliche Mann wollte nach dem Koffer greifen, da kam ihm der junge Syrer zuvor.

„Lassen Sie, ich mache das.“ Er griff mit Leichtigkeit nach dem großen Koffer, hob ihn erst in den Gang und dann auf den Bahnsteig. Die beiden lächelten, als sie mit ihrem Koffer fröhlich davon rollten.

Der Syrer lächelte auch. Und ich auch. Es könnte alles so einfach sein.

30. Juni 2024

Verdamp lang her

Es gibt Konzerte, da wacht man am nächsten Tag auf und denkt: Hab‘ ich das wirklich erlebt oder war das nur ein Traum?

So eins war das gestern. Der Cantautore Pippo Pollina und BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken in Wald bei Zürich. Und irgendwie stimmt beides. Wir haben es erlebt und es war ein Traum.

Die Musik! Die Texte! Diese Intensität und Leidenschaft! Diese beiden Künstler – und letztlich gehört auch noch Bob Dylan dazu, der war in seinen Liedern mit dabei (auch wenn ich Dylan-Songs immer noch lieber von Niedecken gesungen höre als vom Meister selbst) – es war ein einziger Rausch.

Und für mich war’s eine Reise in die Vergangenheit, BAP-Songs gehören zu meiner Jugend wie die ausgewaschenen Jeansjacken aus dem Westen. In Studentenzeiten habe ich dazu getrommelt. Später hab ich sie weniger gehört, verdamp lang her (Niedecken)! Das Leben ist ein Fluss, immer weiter strömt er dem Meer zu. Gestern schloss sich der Kreis. Alles war wieder da und floss ineinander. Alles war jetzt im Augenblick, nell‘attimo (Pollina). Musik ist alles: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Heilung , Erinnerung, Rettung, roter Faden durchs Leben. Gestern habe ich dort gesessen, gelacht, gelauscht, geweint, und gedacht: was auch kommt, nie nie nie möchte ich ohne diese Musik sein! Nie möchte ich ohne diese Lieder sein, die durch mein Leben klingen und in denen mein Leben klingt.

Irgendwann werden wir zusammen sitzen und uns fragen, ob wir diesen Abend wirklich erlebt haben oder ob das alles nur ein Traum war. Wir haben ihn erlebt! Diese Lieder rauschen für immer durch unser Blut. Nur die dunklen Regenwolken werden dann vergessen sein.

Grazie, danke, thank you.

7. Juni 2024

Imagine…

Dieses Bild – eine kleine Emaille-Kachel – hat mir mein Sohn geschenkt. Immer wieder im Laufe meiner Tage kehrt mein Blick zu ihm zurück und ich denke: Ja. Das ist die Aufgabe: den Faschismus mit Frieden zu überwinden. Nicht mit Gewalt, auch nicht mit Wort-Gewalt, nicht mit Verächtlichmachung oder Bloßstellung, sondern mit Frieden, mit besonnener Klarheit, mit klugen Argumenten, mit einer demokratischen Wahl. Danke an alle, die sich täglich darum bemühen. Suchen wir den Frieden, solange er sich noch finden lässt.

9. März 2024

Da ist es. Mein zweites Buch. Es ist ein so unfassbar schönes Gefühl, es in der Hand zu halten, ich bin stolz und glücklich. Dieses Buch wollte geschrieben werden, das Schreiben war ein Dialog mit den Worten, die zur Welt kommen wollten. Es ist ein persönliches Buch geworden, zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt: Im Weglassen des Überflüssigen Freiheit zu finden.

Hier gehts zum Buch:

https://www.echter.de/Die-Leichtigkeit…/books/diled310260/

Und wer ein signiertes Exemplar des Buches haben möchte, schickt mir eine Nachricht. Im Laufe der nächsten Woche werden genügend Exemplare hier sein, die sich zu Euch auf den Weg machen wollen.

Ich danke dem echter-Verlag für die gute und leichte Zusammenarbeit, ich danke meinen Kindern und den Freundinnen und Freunden, die mich auf dem Weg zum Buch begleitet haben. Ihr seid einfach wunderbar und mir ein großes und leichtes Glück.

23. Oktober 2023

Es war wirklich ein wunderschöner Abend in der Buchhandlung Im Roten Haus in Nürtingen! Ich liebe es so sehr, Gedichte zu lesen, erst im Lesen und Hören und Austauschen werden sie lebendig.

Danke an das wundervolle Publikum, das mich durch den Abend getragen hat, danke an Heike Pflüger für die Einladung und die einfühlsamen einleitenden Worte! Und danke für die berührenden Gespräche danach. Ich bin reich beschenkt nach Hause gefahren.

Ich freu mich auf jedes Wiedersehen. Lesen verbindet, das habe ich wieder einmal mehr erlebt. ❤️

9. September 2023

Ich freue mich riesig, wieder eine Buchlesung ankündigen zu dürfen!

Am 20. Oktober um 19.30 lese ich in der Buchhandlung im Roten Haus in Nürtingen: „Ich schreibe meine Fragen in die Zeilen des Meeres“

Hier ist der Einladungstext:

„Mit ihren Gedichten lädt die Lyrikerin Friederike Hempel auf eine vielfache Reise ein: zu sich selbst und den eigenen Fragen, zu den Standpunkten in der Welt, zu anderen Menschen und immer ans Meer.
Die Texte erzählen davon: vom Meer, von der Liebe, von der Nacht und von der Welt. Und sie bieten an, sie weiterzudenken, sie mitzunehmen oder sie zu bewohnen. Alles ist möglich im Reich der Worte.
An diesem Abend liest die Autorin aus ihrem Gedichtband „Du dunkles Licht“, aus dem „Sizilianischen Tagebuch“ und neue Texte. Und sie kommt mit ihren Zuhörerinnen und Zuhörern ins Gespräch – denn jedes Gedicht wird erst im Hörenden fertig.“

Eintritt 12 Euro

https://rotes-haus.buchhandlung.de/shop/magazine/159344/du_dunkles_licht.html

Foto: Dirk Löhr, Erfurt

9. August 2023

Am Meer

Ich schreibe

meine Fragen

in die Zeilen

des Meeres

die Zweifel und

das Suchen nach mir selbst

das Unfertige und

das Verlorene

Ich male

mit den Fingern

ins Blau

der Unendlichkeit

und des ewigen Wissens

Ich frage das Meer

das immer da war

seit Anbeginn

der Zeit

Das Meer

das alles gesehen hat

Sturm und Stille

Leben und Sterben

und Werden

Und ich warte

und lausche

und lese

die Zeilen

Welle für Welle

das Meer

antwortet nicht

Nur im Schauen

und Warten

und Lauschen

und Schweigen

werde ich selbst

Welle und Meer

Stille und Sturm

Leben und Sterben

lese ich

finde ich

werde ich

das ist Antwort genug

7. August 2023

Rom

Sie haben so vieles gesehen

die Steine

Kampf und Gewalt

und die Beifall klatschende Menge

Sie haben den Tod gesehen

tausendfach

und das Blut getrunken

in ihren sehenden Poren

Sie sahen die Mächtigen

kommen und gehen

und sich sonnen in ihrem Ruhm

Und sie hörten die Schreie

der Ohnmacht und Angst

In den vergitterten Kellern

Aber die Steine schweigen.

Sie haben so vieles gesehen

die Steine

Hüte und Fächer

und Menschen in endlosen Schlangen

Sie haben das Geld gesehen

vielfach

in den Händen der

reisenden Reichen

Sie sahen die Massen

fotografieren und gehen

ohne Zeit für die alten Geschichten

Und sie spürten die Hektik

im Strom der Vielen

in den erhitzten Gesichtern

Aber die Steine schweigen.

Sie schweigen

vom Ewigen

Von allem

was vor den Kämpfen war

und nach dem Geld sein wird

Von der uralten Sehnsucht

nach Frieden

Von Menschen die sitzen

im Kreis der Mauern

die teilen und essen

und tanzen und singen

zu gemeinsamen Liedern

Und von der Stille

die in ihnen wohnt

Denn die Steine schweigen.

Und weil sie davon schweigen

müssen die Menschen davon reden

nach der Stille.

20. Juli 2023

Sommer
 
In den Tagen
des flüsternden Lichts
fällt Himmels Blau
aus den Zweigen
 
Legt sich
ins alltagsmüde Herz
Dann fließt
der Ruf der Schwalben
 
durch mein Blut
Setzen sich
lichtschimmernde Libellen
auf meine Haut
 
Erzählen
von den Wolken
die leichthin ziehen
über die schwere Welt
 

14. Juli 2023

Vorzeichen

Ich habe den Eindruck, dass es inzwischen hauptsächlich zwei menschliche Grundhaltungen gibt, die sich in unserer Gesellschaft gerade gegenüberstehen:

Die einen, das sind die, an denen wir gerade in Sonneberg und anderswo verzweifeln, die also, die den Klimawandel nicht einsehen, die Flüchtlinge wahlweise zurückschicken, ertrinken lassen oder sogar erschießen wollen, die jegliche Gegenrede sofort mit Meinungsdiktatur kommentieren, die gegen Tempolimit sind, Wärmepumpe und Windkraftwerke, die jede Veränderung ablehnen, jede Mitmenschlichkeit und jede Solidarität.

Es ist, als hätten sie vor ihrem Leben ein großes „Ich“ stehen.

Ich. Mein Wohlstand, mein Leben, mein Flug, mein Auto, meine Bratwurst, mein Steak. Ich. Und nur ich. – Ich weiß nicht, ob diesen Menschen ihre ganze Armseligkeit bewusst ist. Als ob man mit diesem Leben, das nur um sich selbst kreist, glücklich werden könnte!

Die anderen, das sind – eben die anderen. Die Umweltschützer und Flüchtlingsretter, die verzweifelt radikalen Klimakleber, all die alltäglich Engagierten, die mit dem Rad zum Unverpackt-Laden fahren, obwohl der Supermarkt um die Ecke ist, die ihr Urlaubsziel nach Erreichbarkeit mit dem Zug auswählen, die nachmittags Sprachunterricht im Flüchtlingsheim geben, die ihre Kleider second hand kaufen und ein veganes Kochbuch zum Ausprobieren, die sich einbringen, hingeben in der ratlosen Hoffnung, irgendetwas beitragen zu können zu einer anderen Welt. Die haben ein „Du“ als Vorzeichen. Die schauen über sich hinaus – zum Anderen, zur Welt, zu den kommenden Generationen. Die leben das „Du“ und tragen schon allein damit zu einer anderen Welt bei. Das sind die, die sich ständig selbst hinterfragen, ob es genug ist, ob sie nicht noch mehr tun, ihr Leben noch nachhaltiger, noch konsequenter führen müssten.

Und die sich am Hass und der Ignoranz der „Ich“-Menschen aufzureiben drohen.

Sie können nicht zusammen kommen, diese beiden Haltungen, sie widersprechen sich grundlegend. Aber wenn die „Du“-Menschen tapfer bei ihrem „Du“ bleiben, sich nicht einschüchtern lassen (das wird zunehmend wichtig!), nicht aufgeben, nicht an der Größe der Aufgabe verzweifeln und nicht an sich selbst und ihren Grenzen, dann können die zum „Ich“ Verkümmerten hier nicht alles übernehmen, auch wenn sie das noch so sehr wünschen. Und da das „Du“ ja ohnehin von der Gemeinschaft lebt, hilt: Zusammenhalten. Und das können die „Du“-Menschen dann eben doch besser als die anderen.

Wir müssen wachsam sein in dieser Zeit, und wir müssen uns gegenseitig den Rücken stärken. Und unsere kleinen Schritte gehen, wie wir es können. Alles hilft, jede Veränderung hin zu einer gerechten und nachhaltigen Welt. Oder eben: hin zum „Du“.

18.Juni 2023

Sommer im Glas

8. Juni 2023

Die Macht der Worte

Neulich bei Facebook auf einer Literatur-Seite. Ein kurzer Text von Sybille Berg über Heimat und Verwurzelung. Darunter entspann sich eine Diskussion. Über Wurzeln und deren Bedeutung, über Verwurzelung, Familienzugehörigkeit, über Flügel, über Freiheit. Es hätte ein schönes Gespräch werden können über Bleiben und Gehen, was uns bindet, was uns frei lässt. Hätte. Denn nach drei vier fünf Kommentaren schlich sich der erste Grünenbashingman in die Diskussion ein und unterstellte „Grünes Brainwashing“ denen von der Freiheits-Seite. Das war dann auch das Ende der Diskussion. Zumindest des interessanten Austauschs. Da wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst: sie sind überall. Es ging nicht um Klimawandel oder Zuwanderung, nicht um Tempolimit oder Wärmepumpen, es war nicht einmal ein Gendersternchen aufgetaucht! Es ging um einen Text. Das war alles. Vielleicht war Heimat das Reizwort, ich weiß es nicht. Aber ich lese diese ganzen blaubraunen Kommentare inzwischen auf so vielen Seiten. Immer mit demselben Grundton: Gegen jede gesellschaftliche Veränderung, gegen Vielfalt, gegen Offenheit, gegen Freiheit. Es ist immer das Gleiche, die gleiche Verachtung, der gleiche Hass. Was geht in diesen Köpfen vor? Und was macht man dagegen? Sich zurückziehen? Dagegenhalten? Es gibt ja Freunde, die das versuchen. Hin und wieder versuche ich´s auch. Aber es ist mühevoll und sie sind mehr. Und die ständige Flut dieser reaktionären Kommentare wirkt wie ein schleichendes Gift. Ich habe immer an die Macht der Worte geglaubt – jetzt erlebe ich sie in ihrer finstersten Form. Driften wir jetzt ab in die totale Gleichgültigkeit, weil wir überall gegen Wände von Hasskommentaren rennen? Man kann ins Private flüchten, ja. Könnte man. Aber man kann denen doch nicht den Diskurs überlassen! Oder die Macht der Worte zurückerobern? Sich tapfer in den Wind stellen? Einige machen das, ich weiß, und sie haben meinen ganzen Respekt. Ich jedenfalls will das nicht so hinnehmen. Vielleicht ist das ja auch eine Aufgabe von Sprache-Menschen in unserer Zeit: den Hass-Kommentaren etwas entgegenzusetzen. Es zumindest zu versuchen. Irgendetwas muss man doch tun.

Foto: Miriam Herzog

17. Mai 2023

Nachtrag zum Muttertag

Wenn ich mich durch landläufige Texte übers Muttersein hindurchlese, fällt mir eins auf: Es gibt keine positiven Mutterbilder.

Rabenmutter, Helikoptermutter, U-Bootmutter, Latte-Macchiato-Mutter, Löwenmutter – allesamt sind sie negativ besetzt, wenn nicht sogar vernichtend. Sogar im Begriff „Affenliebe“ schwingt Negativität mit, dabei sind Affen die hingebungsvollsten Mütter im Säugetierreich. Orang-Utans sind mit ihren Jungtieren 8 Jahre eng verbunden und tragen sie jahrelang durch den Urwald, sofern es ihn noch gibt. Orang-Utans sind die Affen, die uns in der DNA am nächsten sind. Wenn eine Menschenmutter ihr 8jähriges noch beständig bei sich hat, holen wir das Jugendamt. Nein, ich halte das auch nicht für erstrebenswert! – Nur: wie wollen wir jungen Frauen Lust auf Kinder machen, wenn wir beständig die Mütter über ihr Fehlverhalten definieren? Wer sagt den jungen Leuten, dass Muttersein herrlich ist? Ja, ich weiß schon, natürlich ist es das nicht immer. Aber welche unserer Rollen ist denn immer schön? Egal, ob wir Frau, Freigeist, Ehefrau, Geliebte oder… (hier beliebigen Beruf einsetzen) sind – es ist nie IMMER schön, es gibt Durststrecken, Krisen, Schattenseiten. Warum nicht auch beim Muttersein? Klar gibt es die, und sie sind hart und schwer zu ertragen. Aber Muttersein ist eben AUCH schön, und dafür gibt es keine Bilder.

Warum gibt es im öffentlichen Diskurs keine Flummi-Mütter, die mit ihren Kindern lustig durch die Gegend springen, keine Abenteuer-Mütter, die ihnen die Welt zeigen, keine Giraffen -Mütter mit dem großen Herzen, keine Elefanten-Mütter, die gelassen damit rechnen, dass die Herde auch auf den Nachwuchs achtet? Warum spricht niemand von Amsel-Müttern, die erst füttern, dann singen und schließlich den Kindern das Fliegen beibringen? Es gibt so wundervolle Mütter, und sie sind so vielfältig wie das Leben selbst.

Und sie machen Fehler, ja, und die Kinder wachsen trotzdem zu großartigen Erwachsenen heran. Wir brauchen ein neues Mutter-Bild! Und damit meine ich kein Mutti-Bild aus den 50ern, so herzig wie lächerlich. Wir brauchen Bilder, die von freien, schönen, starken, humorvollen und selbstbestimmten Müttern erzählen, von unvollkommenen, gelassenen, warmherzigen, chaotischen und fürsorglichen. Und von Kindern, die genau diese Mütter brauchen, Fehler verzeihen und später selbst gern Mutter oder Vater werden. Wir brauchen feministische Mutterbilder, wenn man das so sagen will! Vielleicht lassen wir einfach die Mütter selbst ihre Bilder von ihrem Muttersein entwerfen? Wer weiß, was uns da noch erwartet! Tintenfische (in jedem Arm ein Gehirn!), Känguruhs (immer mit Beutel!)?  – Schlimmer als jetzt kann es jedenfalls nicht werden. Dafür vielseitig, bunt und wild. Wie das Leben eben. Und die Mütter.

Foto: Postkarte vom BMF, Basel

9. März 2023

Ich bin
Ich bin Frau
bin Mutter
bin Zartheit
bin Kraft
Ich bin Geliebte
bin Rebellin
bin Löwin
bin Fee
Ich bin die ich bin
Ich bin Frau
Du bist Frau
bist Schwester
bist Freundin
bist Gefährtin
Du bist Meisterin
Trösterin
Kämpferin
und Heimat
Du bist die du bist
Du bist Frau
Wir sind Frau
Wir sind Sinnlichkeit und Wut
wir sind Ebbe und Flut
wir sind Blume, Baum und Meer
wir sind Erde und Himmel
Leben und Blut
Wir sind Anfang
immer wieder
Wir sind Freiheit
wir sind eins
Wir sind die wir sind
Wir sind Frau
3/23

23/02/23

Quelle: Syrienhilfe e. V.

Hoffnung unter Trümmern 

Wenn ich sie sehe

die Bilder der Kinder

die nach 

fünfzig

sechzig 

siebzig 

Stunden unter Trümmern

aus der eisigen Nacht

unverhofft

gerettet werden

Dann denke ich:

Was hat diese Kinder

am Leben gehalten?

Welche immense Hoffnung

haben sie in ihrem zitternden 

Herzen getragen

Welches Vertrauen ins Leben

dort unten in der 

einsamsten Dunkelheit

über Stunden und Tage.

Vielleicht haben sie gedacht:

Sie sind immer gekommen

Sie werden auch jetzt kommen

um mich zu holen,

wieder und wieder, 

ohne zu ahnen,

dass jene, die immer kamen,

längst selbst begraben sind 

von den Steinbergen,

meterhoch und unüberwindlich.

Aber andere kamen

von derselben Hoffnung genährt

und gruben unaufhörlich

ihre Hoffnung in die Trümmerberge

ungeachtet 

der zerschundenen Hände

und der messerscharfen Steine 

sie gruben und graben sich durch 

zu dem hoffenden Bündel Leben

und holten es ans Licht.

Und ich frage mich:

Wenn Hoffnung 

so ein brennendes Feuer 

im Herzen sein kann,

solche Berge versetzt

und so zartes Leben rettet – 

Wieviel Hoffnung 

bleiben wir 

der Welt schuldig

jeden Tag. 

Ich will es lernen,

fremdes Kind,

von dir. 

25/01/23

Und dann

wenn

zwischen Schläuchen und Nadeln

zwischen Kissen und Kontrollen

der Tod seine Tür öffnet

während du am Bett sitzt

eine weiße Hand in deiner

dann bleib

und schau

und staune

über das Licht hinter der Tür

über das geöffnete Tor

ins Weite

Es ist dieselbe Tür

die sich öffnet

wenn du

nach Schmerzen und Schreien

nach Atmen und Warten

dieses hauchzarte Kind aufnimmst

und dich in seinen Augen verlierst

in dem Blick von weit her

bleib

und verliere dich

und staune

über das Licht in den Augen

über das geöffnete Tor

ins Weite

Es ist dieselbe Tür

die sich öffnet

wenn du

zwischen Zartheit und Lust

zwischen Haut und Haar

dem Liebsten hautnah bist

eins im anderen

unbegrenzt umarmt

auf Flügeln gebettet

bleib

fühle und fliege

und staune

Es ist immer dieselbe Tür

es ist immer dasselbe Licht

dieselbe einladende Weite

In der Geburt

Im Tod

Und in der Liebe.

12/12/22

Kein Raum

denn sie haben
keinen raum
in der herberge

also bleibt das göttliche
das zur welt kommen will
draußen vor der tür

jene die ihm
goldene decken bringen
um es zu retten

müssen heilige sein

12/2020

Weihnachtskrippe im Dom zu Palermo, Januar 2020

26/11/22

Vorabend

Ich liebe ihn, den Vorabend zum 1. Advent.
Die Stille der Erwartung. Der Beginn der Lichterzeit.
Ich hole die Kiste mit dem Adventsschmuck aus dem Regal. Vorsichtig hole ich sie alle hervor: die selbstgebastelten Sterne der Kinder („Die hängst du aber nicht mehr auf, Mama!“), die Krippe aus meiner Kindheit. Und den Engel meiner Großmutter – ich glaube, er ist mein langjährigster Adventsbegleiter. Wie alt er ist, weiß ich nicht. Er kam auf Umwegen zu mir. Aber er muss sehr alt sein, vielleicht hat er schon den Krieg überlebt. Er ist ein bisschen abgewetzt, seine Flöte schon abgebrochen. Aber er steht
immer noch Jahr für Jahr neben den grünen Zweigen in meinem Zimmer. Aufrecht, wie meine Großmutter. Sehr fromm war sie, und sehr aufrecht. Sie ertrug es nicht, wenn jemandem Unrecht geschah. „Da liegt kein Segen darauf“, sagt sie dann immer. Und ich weiß nicht, wie oft ich mich im letzten Jahr an diesem Satz festgehalten habe.
Ich weiß noch nicht genau, wie wir in diesem Jahr Advent feiern sollen. Zwischen dem Krieg in der Ukraine und den rechten Aufschwüngen in Europa, zwischen Klimakatastrophe und Inflation. Da fällt mir vieles ein, aber nicht „O Du fröhliche“.
Da steht er der Engel. Klein und aufrecht, ramponiert und auf seltsame Weise heil.
„Fürchte dich nicht“, wäre sein Text in der Weihnachtsgeschichte. Vielleicht hat er recht. Er, der schon so viel erlebt hat. Vielleicht hilft es, sich nicht zu fürchten. Aufrecht zu bleiben wie er, wie die Großmutter. Beharrlich zu bleiben gegen das Unrecht. Und darauf zu vertrauen, dass Frieden immer noch werden kann. Alles dafür zu tun, dass Frieden
werden wird. Großmutter würde wahrscheinlich sagen: „Da liegt Segen drauf.“

25/11/22

Hörst du

Hörst du
mein Liebster
hörst du den Krieg?
Hörst du die berstenden Bomben
die betenden Mütter und
die verstummten Kinder?
Leg deine Hand
auf meine Ohren
nur eine Nacht lang
sie sind so wund geworden.
Hörst du
mein Liebster,
hörst du – ein Lied!
Hörst du das Licht in den Klängen
die Töne, die Worte,
die Harmonie in allen Farben?
Leg mir dein Lied
auf meine Haut
dass es sie schütze
gegen die raue Welt.
Lass uns, mein Liebster,
lass uns nun ruhen
unter dem Mantel der Strophen
Nur diese Nacht lang
lass uns lauschen
dem Licht.
Dann lass uns gehen
die betenden Mütter zu umarmen
und den verstummten Kindern
dein Lied zu singen.
Jeder Ton wird sie schützen
und uns
in der Nacht der Welt.
März 2022

07/10/22

Die Frauen von Teheran

Sie werfen ihre Kopftücher ins Feuer
Sie werfen alles, was sie haben in den Ring
Sie werfen endlich morsche Regeln aus dem Fenster
Und ihre Sterbensängste
geben sie dem Wind
Sie werfen
Sie werfen sich dem Leben in die Arme
Der Freiheit und dem Recht,
sie selbst zu sein
Mit starken Armen
ihren endlos starken Herzen
werfen sie sich
und uns
in eine neue Welt hinein
Sie wachsen
Sie wachsen jeden Tag ein Stück zusammen
Sie schneiden Haare und die wachsen wieder nach
Sie wachsen immer weiter
über alle Grenzen
und wachsen über sich
und uns
hinaus
Sie werfen
wachsen
schneiden
wachsen
singen
wachsen
schreien
wachsen
und wachsen
und keiner
keiner
keiner
keiner

soll sie jemals wieder
einfangen
und klein halten
und einsperren
und verhüllen
und demütigen
und schlagen
zu Boden werfen und
am Wachsen hindern.
Denn sie sind groß!
Und aus der Asche
ihrer vielen Feuer
der geworfenen Tücher
der geschnittenen Haare
der geschrienen Wut
wächst
glutrot
ein neues
Leben.

10/22