Hier finden sich taufrische Texte. Oder unfertige Gedanken zu allem, was um mich herum geschieht. Fundstücke und Inspirationen. Und manchmal auch ein Gedicht von einer Freundin oder einem Freund. Also: Herzlich willkommen am großen Tisch, der mit tausendblauen Worten gedeckt ist!
1. Januar 2026
Das wäre mein Wunsch
Dass im neuen Jahr
ein Platz an jedem Tisch ist
für Freunde und Gäste
auch für die unerwarteten
dass das Brot für alle reicht
und der Wein oder Tee
mehr braucht es nicht
das wäre mein Wunsch
Dass von unseren Lippen
Friedensworte tropfen
oder Mutworte
oder ein aufrichtiges Bekenntnis
zur Liebe
dass unsere Hände
die Strauchelnden halten
im richtigen Moment
Dass ein gerader Rücken
sich schützend stellt
vor die Entrechteten
die Übersehenen
und die Bedrohten
und ein gerader Arm
zur Grenze wird
der Gefahr
Dass das Blau des Himmels
den Kindern gehört
überall auf der Welt
die leichthin
über die Straße rennen
den schwerelosen Ball
zu fangen
ohne Angst
Und dass sich in unseren
staunenden Augen
eine friedliche Welt spiegelt
Menschen
die aus einem Krug trinken
die sich erinnern
an das eine Paradies
das in ihnen wohnt.
2. November 2025
Januar 2020
Ich liebe es, Briefe zu schreiben. Schon immer und – auch wenn ich damit hoffnungslos oldschool bin – bis heute. Ich mag diese Stille beim Schreiben, den Duft vom Papier, das leise Kratzen des Stiftes und die ungestörte Verbundenheit mit der Person, an die ich schreibe. Es gibt Freunde, mit denen ich seit Jahren und Jahrzehnten im Briefkontakt stehe. Wir schreiben uns hin und her, nicht oft, aber intensiv. Wir erzählen von uns, von den Kindern, vom Leben und von der Welt. Vom Führerschein des Sohnes bis zur Lage in Amerika hat alles auf einem Blatt Papier Platz. Die Antwortbriefe hebe ich auf, es gibt schon mehrere solcher Briefkisten in meiner Wohnung. Und es gibt Briefe, die mir sehr viel bedeuten, die ich fast auswendig kann ,so oft habe ich sie gelesen. Wortschätze, die von Freundschaft und Liebe erzählen. Sie haben sich in mein Leben eingeschrieben.
Je älter ich werde, desto mehr liebe ich diese Form der Kommunikation. Weil sie so langsam ist. Ich überlege, sinne nach, schreibe. Der oder die Andere liest, bedenkt, fühlt, schreibt. Undsoweiter. Es ist ein ganz anderer Austausch als der schnelle Schlagabtausch von Worten und Argumenten, ohne wirklich zuzuhören oder gar nachzusinnen. Was wäre das, wenn in der Talkshow jemand sagt: Da muss ich erstmal darüber nachdenken. Mir würde das sehr gefallen! Selbst die digitale Kommunikation, die ohne Frage vieles vereinfacht, verführt dazu, immer gleich zu antworten. Mein Stift sagt mir: Lass Dir Zeit. Und nimm Dir Zeit. Lass die Worte wirken. Lass die Antwort wachsen. Und wenn du weisst, was du schreiben willst, dann schreib. Vielleicht sind Briefe heute das sanfteste Kommunikationsmittel: Langsam, geduldig, gereift. Die Freundschaften, die durch sie gehalten werden, sind es auf jeden Fall.
5. Oktober 2025
Worte schreiben
erste Worte
auf ein leeres Blatt
beschreiben
was ist
oder
schreiben
was sein könnte
was werden kann
was wird
die Zukunft
herbei schreiben
der Zeit
voraus schreiben
das Werden beschreiben
vielleicht wird wahr
was geschrieben wurde
weil es geschrieben wurde
weil es erhofft wurde
oder erträumt
Vergangenheit
Gegenwart
Zukunft
auf dem weißen Blatt
ist alles jetzt
Worte schreiben
für das Andere
das kommen soll
die Welt
von der ich träume
von den blühenden
Bäumen schreiben
und den lachenden
Kindern und den
atmenden Meeren
und dem leeren Blatt
vertrauen dass es
wahr werden lässt
was wir schreiben
immer wieder
immer wieder
schreiben
bis es
wahr
ist
@FH 10/25
9. Juli 2025
In diesen Tagen muss ich aufpassen, dass mich die vielen Krisen, die wir gerade erleben, nicht lähmen. Mich überfordert die Komplexität der Probleme, die gerade auf uns herein prasseln, die Kriege, der Klimawandel, die Fluchtbewegungen und ihre Reaktionen darauf, die wachsende soziale Ungerechtigkeit überall. Ich bin froh über alle, die hier Beiträge dazu schreiben, mit denen ich mich verbinden und die ich teilen kann, weil ich das alles gar nicht überschauen und durchdenken kann. Es ist zuviel.
Und dann denke ich wieder: Nein. Aufgeben ist keine Option. Gerade jetzt nicht. Jetzt braucht es mich. Und dich. Und alle. Es braucht zivilen Widerstand. Es braucht klare Haltungen. Und es braucht Menschen, die etwas tun. Auch wenn es wenig ist. Es gibt einen „Optimismus des Willens“, sagt Maja Göpel. Und er beginnt mit unserer Entscheidung, uns eben nicht lähmen zu lassen.
Deshalb: Fass dir ein Herz. Such dir ein Projekt. Fang an. Irgendwo. Nimm dir ein Thema, das dich berührt. Und dann entscheide dich, etwas zu tun. Etwas, das die Welt an einer winzigen Stelle heller macht.
Und, nein, sag nicht: Aber China! Aber die Superreichen! Aber die Regierung!
Sag: Auf mich kommt es an. Ich gehe einfach los.
Kaufe Bio-Lebensmittel. Oder Second-Hand-Kleidung. Oder Fair-Trade-Produkte. Verweigere dich diesem unersättlichen Konsum-Diktat unserer westlichen Welt. Dem Überkonsum, dieser Pest, die uns zerfressen hat und den Planeten gleich mit. Iss weniger Fleisch oder gar keins mehr. Fahr Fahrrad statt Auto.
Wenn du Zeit hast, hilf jemandem aus deiner Nachbarschaft. Mache ein Frühstücksbrot für ein Kind, dessen Eltern das nicht schaffen. Hilf bei Hausaufgaben. Bei Einkäufen. Biete Deutschkurse an. Besuche jemanden, der einsam ist.
Oder spende an Gemeinnützige Organisationen. Den Seenotretter*innen wurden gerade Gelder gestrichen, die können jeden Cent gut gebrauchen. Oder an die Klimaschutzbewegung.
Oder an den Tierschutz.
Such dir etwas, das dir entspricht. Irgendetwas. Geh einen ersten Schritt. Vielleicht gehen andere mit, vielleicht kann daraus etwas wachsen. Aber geh los.
Ich glaube, das ist die einzige Möglichkeit, der Lähmung zu entkommen: In dieser Überfülle der Krisen einen Faden herauszuziehen und den zu verfolgen. Das Eine zu tun. Nur das. Aber das mit Beharrlichkeit und Liebe.
Es ist wie mit Luthers Apfelbäumchen. Und das ist nicht naiv. Das ist mutig und konsequent. Und wenn morgen die Welt unterginge, dann möchte ich heute noch etwas getan haben, um das verhindern. Und wenn es das letzte ist, was ich tue.
Und wer weiß, wenn viele sich aufmachen, vielleicht können wir mehr verändern, als wir denken!
Demokratie in ihrer wirksamen Form braucht Empathie. Die Volksherrschaft setzt voraus, dass der Einzelne sich in die Welt der Anderen hineinversetzen kann. Dass er nachempfindet, was andere Menschen fühlen und erleben. Demokratie lebt notwendig davon, dass Menschen in der Lage sind, über sich selbst hinauszuschauen, um sich sinnvoll für das Gemeinwohl zu engagieren.
Und damit steht Demokratie im Widerspruch zum ungezügelten Kapitalismus, wie wir ihn gerade auf dem Vormarsch erleben. Die soziale Marktwirtschaft war noch der Versuch, beides zu verbinden. Jetzt erstarkt in der westlichen Welt ein „We first! -Geist“, dessen Antrieb die einzelne Gier ist.
In solchen Zeiten wird Empathie zum revolutionären Akt. Sie überwindet die Grenzen der verschiedenen Interessengruppen, sie schafft Verbindung und stellt Kontakt her – auch dann, wenn Interessen oder Meinungen vollständig auseinandergehen.
Empathie ist keine Strategie, sie ist eine Haltung. Sie löst keines der dringenden Probleme unserer Zeit, aber sie schafft Raum – den Raum, den es braucht, um in Ruhe gemeinsam nach kreativen Lösungen zu suchen.
Ich kann mich in das Leiden einer Mutter in Gaza genauso einzufühlen versuchen wie in den tiefen Schmerz der Mutter einer israelischen Geisel. Und das sagt noch nichts darüber aus, wo ich in diesem Konflikt stehe oder wie ich ihn bewerte, sofern ich das überhaupt kann. Ich kann mit russischen Familien mitfühlen, die ihre Söhne in diesem irrsinnigen Krieg verloren haben, wie mit ihren ukrainischen Nachbarn, die in ständiger Angst und Bedrohung leben. Empathie beendet keinen Krieg, aber sie kann verhärtete Fronten aufweichen in Gesprächen und Aktionen.
Empathie ist eine beharrliche Antwort auf die Ohnmacht, der ich mich oft ausgeliefert fühle. Ich kann mich jeden Tag, jeden Augenblick dafür entscheiden, zu warten, bevor ich eine Meinung erwidere, den Raum entstehen zu lassen, den Frieden zu fühlen und zuzuhören, worum es dem anderen geht. Und somit die Verbundenheit zu kreieren, die wir brauchen. Als Menschen, als Gemeinschaft, als Demokratie.
10. März 2025
Früher Frühling
Die Sonne kippt
ihr Licht in die Stadt
noch atmen
die Häuserwände
Kälte aus
Die Amsel singt
ihr Liebeslied
in den Morgen
und unten im Fluss
schwimmt der Winter
davon
Der Himmel gibt
sein Leuchten frei
die Erde
ihr Grün
und vielleicht
die Menschen
ihr Herz
damit die Schwalben
wenn sie zurückkehren
ein warmes Nest finden
unter unseren Dächern.
16. Februar 2025
Es ist höchste Zeit für eine Allianz der Friedfertigen im Land. Wir brauchen eine Achse der Menschlichkeit gegen diese irrsinnige Gewalt auf allen Seiten. Und diese Achse geht eben nicht entlang der vielbeschworenen Grenzen der Herkünfte der Menschen, sondern entlang ihrer Solidarität und Großherzigkeit. Wir brauchen eine Allianz aus Migrant*innen und „Nurdeutschen“, wie mein bengalisches Nachbarsmädchen immer sagt. Wir müssen uns verbünden mit allen, die hier bei uns leben und unseren Alltag teilen. Mit denen, die tagtäglich in x-beliebigen Krankenhäusern deutsche Leben retten und deutsche Bettpfannen leeren, die deutsche Büros putzen, wenn wir noch schlafen, und deutsche Busse durch verstopfte Innenstädte lenken. Ich kann diese ganzen Grenzschließungspläne nicht mehr hören. Sie sind völlig widersinnig. Ein großer Teil der Migrant*innen hier sind genau vor dem islamistischen Terror geflohen, der jetzt als Grund herangezerrt wird, sie auszuweisen. Und wir dürfen vermuten, dass es längst rechts-islamistische Connections gibt, die letzten Anschläge passen zu gut ins Bild der Rechten so kurz vor den Wahlen. Und Rechte und Islamisten haben zu deutliche inhaltliche Überschneidungen: ihr Hass gegen Freiheit und Liberalismus, ihr Wunsch nach einer gespaltenen Gesellschaft, ihr glühender Antisemitismus. – Wir brauchen eine Verbundenheit gegen diesen Irrsinn, ein soziales Gewebe aus Menschlichkeit und Klarheit, ein Miteinander in Frieden und eine faire Auseinandersetzung über die Werte, die wir teilen wollen. Dieser ganze Hass führt zu nichts als zu Zerstörung und noch mehr Zerstörung. Imagine Peace – alle zusammen, die das noch können.
26. Januar 2025
Große Vorfreude!
Ich lese mit Fredy Wettstein und Lukas Langenegger am Sonntag, dem 2. März um 11.00 in Küsnacht bei Zürich.
Wer zu Weihnachten signierte Bücher verschenken mag – hier gibt es einige davon! Worte sind immer ein hoffnungsvolles Geschenk, weil sie ein Anfang sein können – der Anfang eines Gesprächs, eines Staunens oder eben einer Hoffnung. Schreibt mir eine PN oder eine Mail an tausendblau@gmail.com. Dann machen sich die Bücher zu Euch auf die Reise.
weihnachtspsalm
noch
sind die träume nicht
ausgeträumt
noch
blühen rosen in
zerstochenen fingern
noch
fällt ein stern
in die nacht
noch
schlägt die hoffnung
einen pfad durch die
dornen
noch
wächst das herz
in den himmel
noch
atmet der
engel im tor.
aus meinem Buch: Du dunkles Licht
31. Oktober 2024
Maria habe ich vor vier Wochen kennengelernt. Sie kam in die kleine Gemeindebibliothek, in der ich einmal in der Woche mit Kindern lese. Maria ist neun. Sie ist in Deutschland geboren, ihre Familie stammt aus Albanien und Italien. Maria spricht drei Sprachen fließend (deutsch, albanisch und italienisch) – „und ein bisschen englisch, natürlich“, sagte sie, als ich darüber staunte. Natürlich.
Maria liebt Bücher. Sie betrat den Raum wie ein Heiligtum und strich ehrfürchtig mit dem Finger über die Rücken der Bücher: „Die darf ich alle ausleihen?“
„So viele du willst“, sagte ich und hätte besser sagen sollen: „So viele du tragen kannst“. Maria balancierte einen riesigen Stapel nach Hause. Eine Woche später kam sie mit der Hälfte wieder zurück, strahlend: „Ausgelesen!“
Wenn Maria da ist, nimmt sie sich ein Buch und liest es uns vor. Mir, ihrer kleinen Schwester und den anderen Kindern des Lesekreises. Wenn ich sie dabei anschaue, sehe ich, wie sie ganz in die Geschichten eintaucht, ganz darin versinkt. Maria lebt in in den Geschichten. Als ich ihr neulich zuhörte, kurz nach den Wahlen in Thüringen, da dachte ich: bei so einer kleinen Person, die in sich die Vielfalt europäischer Kulturen und Sprachen trägt und in Büchern zu Hause ist, hätten es die blaubraunen Rattenfänger schwer, ihre menschenfeindlichen Gedanken ins Hirn zu pflanzen. Weil Marias Hirn bevölkert ist von Jim Knopf und Pippi Langstrumpf, den Olchis und Findus und dem Sams. Marias Welt ist bunt und vielseitig, liebevoll und menschenfreundlich. Mir fiel Gene Knudsen Hoffmanns Satz ein: „Ein Feind ist jemand, dessen Geschichte du noch nicht gehört hast.“ Vielleicht stimmt ja auch die Umkehrung: Je mehr Geschichten einer kennt, desto weniger Feinde sieht er überall. – Genau deshalb bin ich froh über jede kleine Bibliothek, die es gibt. Und glücklich über jedes Kind, das den Weg dahin findet. Wie Maria.
22. August 2024
Ich lese wieder! Und freue mich riesig darauf -gemeinsam mit Fredy Wettstein und Lukas Langenegger in Küsnacht in der Schweiz, am 3. November 2024. – Ich staune immer wieder darüber, welche Wege meine Gedichte finden, um bei den Menschen zu sein. Und es ist ein großes Geschenk für mich, diese Wege einfach gehen zu dürfen. Jede Lesung ist eine eigene Welt, die durch die Menschen gebildet wird, die gekommen sind um zu hören und zu reden – um gemeinsam in Kontakt zu sein.
8. August 2024
Reisen
Neulich im Zug, in irgendeiner niederbayrischen Regionalbahn, irgendwo an der Grenze zu Franken. Neben mir im Abteil saß ein älteres Ehepaar: Ein zierlicher Mann mit strubbeligen Haaren und lustigem Schnauzbart, neben ihm eine barocke resolute Dame mit steng nach hinten gezogenem Dutt. Sie fiel mir auf, weil sie so aufrecht saß und schön geschminkt war, mit sehr roten Lippen. Ich mag es, wenn Frauen sich nicht von ihrem Alter davon abhalten lassen, das Leben, die Welt und den Mann ihres Herzens mit roten Lippen zu küssen. Neben ihnen stand friedlich ein riesiger Koffer.
Ihnen gegenüber saß ein junger Mann, schlank, schwarze Haare, und telefonierte. Er sprach leise in sein Handy und, als er den Blick der resoluten Dame wahrnahm, sprach er noch leiser. Irgendwann beendete er das Gespräch und stecke das Handy in seine Tasche.
„Was für eine Sprache war das?“ fragte die Dame, und es klang ehrlich interessiert.
„Syrisch“, sagte der junge Mann.
„Sie kommen aus Syrien?“ – In der Stimme klang Mitgefühl.
„Ja.“
„Sind Sie schon lange hier?“
„8 Monate“
„Und wie geht es Ihnen?“
„Es geht gut. Ich habe Freunde hier.“ – Er zeigte dabei nach vorn, dorthin, wohin der Zug fuhr. „Ich fahre sie besuchen. Ich bin froh, hier zu sein.“ Ein Schatten flog über sein Gesicht, während der Zug durch die Landschaft ratterte.
Er erzählte leise noch etwas, dann fuhr der Zug langsam in den Bahnhof ein. „Ich wünsche Ihnen alles Gute“, sagte die Frau zum Abschied.
Das Ehepaar erhob sich, der zierliche Mann wollte nach dem Koffer greifen, da kam ihm der junge Syrer zuvor.
„Lassen Sie, ich mache das.“ Er griff mit Leichtigkeit nach dem großen Koffer, hob ihn erst in den Gang und dann auf den Bahnsteig. Die beiden lächelten, als sie mit ihrem Koffer fröhlich davon rollten.
Der Syrer lächelte auch. Und ich auch. Es könnte alles so einfach sein.
30. Juni 2024
Verdamp lang her
Es gibt Konzerte, da wacht man am nächsten Tag auf und denkt: Hab‘ ich das wirklich erlebt oder war das nur ein Traum?
So eins war das gestern. Der Cantautore Pippo Pollina und BAP-Frontmann Wolfgang Niedecken in Wald bei Zürich. Und irgendwie stimmt beides. Wir haben es erlebt und es war ein Traum.
Die Musik! Die Texte! Diese Intensität und Leidenschaft! Diese beiden Künstler – und letztlich gehört auch noch Bob Dylan dazu, der war in seinen Liedern mit dabei (auch wenn ich Dylan-Songs immer noch lieber von Niedecken gesungen höre als vom Meister selbst) – es war ein einziger Rausch.
Und für mich war’s eine Reise in die Vergangenheit, BAP-Songs gehören zu meiner Jugend wie die ausgewaschenen Jeansjacken aus dem Westen. In Studentenzeiten habe ich dazu getrommelt. Später hab ich sie weniger gehört, verdamp lang her (Niedecken)! Das Leben ist ein Fluss, immer weiter strömt er dem Meer zu. Gestern schloss sich der Kreis. Alles war wieder da und floss ineinander. Alles war jetzt im Augenblick, nell‘attimo (Pollina). Musik ist alles: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Heilung , Erinnerung, Rettung, roter Faden durchs Leben. Gestern habe ich dort gesessen, gelacht, gelauscht, geweint, und gedacht: was auch kommt, nie nie nie möchte ich ohne diese Musik sein! Nie möchte ich ohne diese Lieder sein, die durch mein Leben klingen und in denen mein Leben klingt.
Irgendwann werden wir zusammen sitzen und uns fragen, ob wir diesen Abend wirklich erlebt haben oder ob das alles nur ein Traum war. Wir haben ihn erlebt! Diese Lieder rauschen für immer durch unser Blut. Nur die dunklen Regenwolken werden dann vergessen sein.
Grazie, danke, thank you.
7. Juni2024
Imagine…
Dieses Bild – eine kleine Emaille-Kachel – hat mir mein Sohn geschenkt. Immer wieder im Laufe meiner Tage kehrt mein Blick zu ihm zurück und ich denke: Ja. Das ist die Aufgabe: den Faschismus mit Frieden zu überwinden. Nicht mit Gewalt, auch nicht mit Wort-Gewalt, nicht mit Verächtlichmachung oder Bloßstellung, sondern mit Frieden, mit besonnener Klarheit, mit klugen Argumenten, mit einer demokratischen Wahl. Danke an alle, die sich täglich darum bemühen. Suchen wir den Frieden, solange er sich noch finden lässt.
9. März 2024
Da ist es. Mein zweites Buch. Es ist ein so unfassbar schönes Gefühl, es in der Hand zu halten, ich bin stolz und glücklich. Dieses Buch wollte geschrieben werden, das Schreiben war ein Dialog mit den Worten, die zur Welt kommen wollten. Es ist ein persönliches Buch geworden, zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt: Im Weglassen des Überflüssigen Freiheit zu finden.
Und wer ein signiertes Exemplar des Buches haben möchte, schickt mir eine Nachricht. Im Laufe der nächsten Woche werden genügend Exemplare hier sein, die sich zu Euch auf den Weg machen wollen.
Ich danke dem echter-Verlag für die gute und leichte Zusammenarbeit, ich danke meinen Kindern und den Freundinnen und Freunden, die mich auf dem Weg zum Buch begleitet haben. Ihr seid einfach wunderbar und mir ein großes und leichtes Glück.
23. Oktober 2023
Es war wirklich ein wunderschöner Abend in der Buchhandlung Im Roten Haus in Nürtingen! Ich liebe es so sehr, Gedichte zu lesen, erst im Lesen und Hören und Austauschen werden sie lebendig.
Danke an das wundervolle Publikum, das mich durch den Abend getragen hat, danke an Heike Pflüger für die Einladung und die einfühlsamen einleitenden Worte! Und danke für die berührenden Gespräche danach. Ich bin reich beschenkt nach Hause gefahren.
Ich freu mich auf jedes Wiedersehen. Lesen verbindet, das habe ich wieder einmal mehr erlebt.
9. September 2023
Ich freue mich riesig, wieder eine Buchlesung ankündigen zu dürfen!
Am 20. Oktober um 19.30 lese ich in der Buchhandlung im Roten Haus in Nürtingen: „Ich schreibe meine Fragen in die Zeilen des Meeres“
Hier ist der Einladungstext:
„Mit ihren Gedichten lädt die Lyrikerin Friederike Hempel auf eine vielfache Reise ein: zu sich selbst und den eigenen Fragen, zu den Standpunkten in der Welt, zu anderen Menschen und immer ans Meer. Die Texte erzählen davon: vom Meer, von der Liebe, von der Nacht und von der Welt. Und sie bieten an, sie weiterzudenken, sie mitzunehmen oder sie zu bewohnen. Alles ist möglich im Reich der Worte. An diesem Abend liest die Autorin aus ihrem Gedichtband „Du dunkles Licht“, aus dem „Sizilianischen Tagebuch“ und neue Texte. Und sie kommt mit ihren Zuhörerinnen und Zuhörern ins Gespräch – denn jedes Gedicht wird erst im Hörenden fertig.“
In den Tagen des flüsternden Lichts fällt Himmels Blau aus den Zweigen
Legt sich ins alltagsmüde Herz Dann fließt der Ruf der Schwalben
durch mein Blut Setzen sich lichtschimmernde Libellen auf meine Haut
Erzählen von den Wolken die leichthin ziehen über die schwere Welt
14. Juli 2023
Vorzeichen
Ich habe den Eindruck, dass es inzwischen hauptsächlich zwei menschliche Grundhaltungen gibt, die sich in unserer Gesellschaft gerade gegenüberstehen:
Die einen, das sind die, an denen wir gerade in Sonneberg und anderswo verzweifeln, die also, die den Klimawandel nicht einsehen, die Flüchtlinge wahlweise zurückschicken, ertrinken lassen oder sogar erschießen wollen, die jegliche Gegenrede sofort mit Meinungsdiktatur kommentieren, die gegen Tempolimit sind, Wärmepumpe und Windkraftwerke, die jede Veränderung ablehnen, jede Mitmenschlichkeit und jede Solidarität.
Es ist, als hätten sie vor ihrem Leben ein großes „Ich“ stehen.
Ich. Mein Wohlstand, mein Leben, mein Flug, mein Auto, meine Bratwurst, mein Steak. Ich. Und nur ich. – Ich weiß nicht, ob diesen Menschen ihre ganze Armseligkeit bewusst ist. Als ob man mit diesem Leben, das nur um sich selbst kreist, glücklich werden könnte!
Die anderen, das sind – eben die anderen. Die Umweltschützer und Flüchtlingsretter, die verzweifelt radikalen Klimakleber, all die alltäglich Engagierten, die mit dem Rad zum Unverpackt-Laden fahren, obwohl der Supermarkt um die Ecke ist, die ihr Urlaubsziel nach Erreichbarkeit mit dem Zug auswählen, die nachmittags Sprachunterricht im Flüchtlingsheim geben, die ihre Kleider second hand kaufen und ein veganes Kochbuch zum Ausprobieren, die sich einbringen, hingeben in der ratlosen Hoffnung, irgendetwas beitragen zu können zu einer anderen Welt. Die haben ein „Du“ als Vorzeichen. Die schauen über sich hinaus – zum Anderen, zur Welt, zu den kommenden Generationen. Die leben das „Du“ und tragen schon allein damit zu einer anderen Welt bei. Das sind die, die sich ständig selbst hinterfragen, ob es genug ist, ob sie nicht noch mehr tun, ihr Leben noch nachhaltiger, noch konsequenter führen müssten.
Und die sich am Hass und der Ignoranz der „Ich“-Menschen aufzureiben drohen.
Sie können nicht zusammen kommen, diese beiden Haltungen, sie widersprechen sich grundlegend. Aber wenn die „Du“-Menschen tapfer bei ihrem „Du“ bleiben, sich nicht einschüchtern lassen (das wird zunehmend wichtig!), nicht aufgeben, nicht an der Größe der Aufgabe verzweifeln und nicht an sich selbst und ihren Grenzen, dann können die zum „Ich“ Verkümmerten hier nicht alles übernehmen, auch wenn sie das noch so sehr wünschen. Und da das „Du“ ja ohnehin von der Gemeinschaft lebt, hilt: Zusammenhalten. Und das können die „Du“-Menschen dann eben doch besser als die anderen.
Wir müssen wachsam sein in dieser Zeit, und wir müssen uns gegenseitig den Rücken stärken. Und unsere kleinen Schritte gehen, wie wir es können. Alles hilft, jede Veränderung hin zu einer gerechten und nachhaltigen Welt. Oder eben: hin zum „Du“.
18.Juni 2023
Sommer im Glas
8. Juni 2023
Die Macht der Worte
Neulich bei Facebook auf einer Literatur-Seite. Ein kurzer Text von Sybille Berg über Heimat und Verwurzelung. Darunter entspann sich eine Diskussion. Über Wurzeln und deren Bedeutung, über Verwurzelung, Familienzugehörigkeit, über Flügel, über Freiheit. Es hätte ein schönes Gespräch werden können über Bleiben und Gehen, was uns bindet, was uns frei lässt. Hätte. Denn nach drei vier fünf Kommentaren schlich sich der erste Grünenbashingman in die Diskussion ein und unterstellte „Grünes Brainwashing“ denen von der Freiheits-Seite. Das war dann auch das Ende der Diskussion. Zumindest des interessanten Austauschs. Da wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst: sie sind überall. Es ging nicht um Klimawandel oder Zuwanderung, nicht um Tempolimit oder Wärmepumpen, es war nicht einmal ein Gendersternchen aufgetaucht! Es ging um einen Text. Das war alles. Vielleicht war Heimat das Reizwort, ich weiß es nicht. Aber ich lese diese ganzen blaubraunen Kommentare inzwischen auf so vielen Seiten. Immer mit demselben Grundton: Gegen jede gesellschaftliche Veränderung, gegen Vielfalt, gegen Offenheit, gegen Freiheit. Es ist immer das Gleiche, die gleiche Verachtung, der gleiche Hass. Was geht in diesen Köpfen vor? Und was macht man dagegen? Sich zurückziehen? Dagegenhalten? Es gibt ja Freunde, die das versuchen. Hin und wieder versuche ich´s auch. Aber es ist mühevoll und sie sind mehr. Und die ständige Flut dieser reaktionären Kommentare wirkt wie ein schleichendes Gift. Ich habe immer an die Macht der Worte geglaubt – jetzt erlebe ich sie in ihrer finstersten Form. Driften wir jetzt ab in die totale Gleichgültigkeit, weil wir überall gegen Wände von Hasskommentaren rennen? Man kann ins Private flüchten, ja. Könnte man. Aber man kann denen doch nicht den Diskurs überlassen! Oder die Macht der Worte zurückerobern? Sich tapfer in den Wind stellen? Einige machen das, ich weiß, und sie haben meinen ganzen Respekt. Ich jedenfalls will das nicht so hinnehmen. Vielleicht ist das ja auch eine Aufgabe von Sprache-Menschen in unserer Zeit: den Hass-Kommentaren etwas entgegenzusetzen. Es zumindest zu versuchen. Irgendetwas muss man doch tun.
Foto: Miriam Herzog
17. Mai 2023
Nachtrag zum Muttertag
Wenn ich mich durch landläufige Texte übers Muttersein hindurchlese, fällt mir eins auf: Es gibt keine positiven Mutterbilder.
Rabenmutter, Helikoptermutter, U-Bootmutter, Latte-Macchiato-Mutter, Löwenmutter – allesamt sind sie negativ besetzt, wenn nicht sogar vernichtend. Sogar im Begriff „Affenliebe“ schwingt Negativität mit, dabei sind Affen die hingebungsvollsten Mütter im Säugetierreich. Orang-Utans sind mit ihren Jungtieren 8 Jahre eng verbunden und tragen sie jahrelang durch den Urwald, sofern es ihn noch gibt. Orang-Utans sind die Affen, die uns in der DNA am nächsten sind. Wenn eine Menschenmutter ihr 8jähriges noch beständig bei sich hat, holen wir das Jugendamt. Nein, ich halte das auch nicht für erstrebenswert! – Nur: wie wollen wir jungen Frauen Lust auf Kinder machen, wenn wir beständig die Mütter über ihr Fehlverhalten definieren? Wer sagt den jungen Leuten, dass Muttersein herrlich ist? Ja, ich weiß schon, natürlich ist es das nicht immer. Aber welche unserer Rollen ist denn immer schön? Egal, ob wir Frau, Freigeist, Ehefrau, Geliebte oder… (hier beliebigen Beruf einsetzen) sind – es ist nie IMMER schön, es gibt Durststrecken, Krisen, Schattenseiten. Warum nicht auch beim Muttersein? Klar gibt es die, und sie sind hart und schwer zu ertragen. Aber Muttersein ist eben AUCH schön, und dafür gibt es keine Bilder.
Warum gibt es im öffentlichen Diskurs keine Flummi-Mütter, die mit ihren Kindern lustig durch die Gegend springen, keine Abenteuer-Mütter, die ihnen die Welt zeigen, keine Giraffen -Mütter mit dem großen Herzen, keine Elefanten-Mütter, die gelassen damit rechnen, dass die Herde auch auf den Nachwuchs achtet? Warum spricht niemand von Amsel-Müttern, die erst füttern, dann singen und schließlich den Kindern das Fliegen beibringen? Es gibt so wundervolle Mütter, und sie sind so vielfältig wie das Leben selbst.
Und sie machen Fehler, ja, und die Kinder wachsen trotzdem zu großartigen Erwachsenen heran. Wir brauchen ein neues Mutter-Bild! Und damit meine ich kein Mutti-Bild aus den 50ern, so herzig wie lächerlich. Wir brauchen Bilder, die von freien, schönen, starken, humorvollen und selbstbestimmten Müttern erzählen, von unvollkommenen, gelassenen, warmherzigen, chaotischen und fürsorglichen. Und von Kindern, die genau diese Mütter brauchen, Fehler verzeihen und später selbst gern Mutter oder Vater werden. Wir brauchen feministische Mutterbilder, wenn man das so sagen will! Vielleicht lassen wir einfach die Mütter selbst ihre Bilder von ihrem Muttersein entwerfen? Wer weiß, was uns da noch erwartet! Tintenfische (in jedem Arm ein Gehirn!), Känguruhs (immer mit Beutel!)? – Schlimmer als jetzt kann es jedenfalls nicht werden. Dafür vielseitig, bunt und wild. Wie das Leben eben. Und die Mütter.
Foto: Postkarte vom BMF, Basel
9. März 2023
Ich bin Ich bin Frau bin Mutter bin Zartheit bin Kraft Ich bin Geliebte bin Rebellin bin Löwin bin Fee Ich bin die ich bin Ich bin Frau Du bist Frau bist Schwester bist Freundin bist Gefährtin Du bist Meisterin Trösterin Kämpferin und Heimat Du bist die du bist Du bist Frau Wir sind Frau Wir sind Sinnlichkeit und Wut wir sind Ebbe und Flut wir sind Blume, Baum und Meer wir sind Erde und Himmel Leben und Blut Wir sind Anfang immer wieder Wir sind Freiheit wir sind eins Wir sind die wir sind Wir sind Frau 3/23
23/02/23
Quelle: Syrienhilfe e. V.
Hoffnung unter Trümmern
Wenn ich sie sehe
die Bilder der Kinder
die nach
fünfzig
sechzig
siebzig
Stunden unter Trümmern
aus der eisigen Nacht
unverhofft
gerettet werden
Dann denke ich:
Was hat diese Kinder
am Leben gehalten?
Welche immense Hoffnung
haben sie in ihrem zitternden
Herzen getragen
Welches Vertrauen ins Leben
dort unten in der
einsamsten Dunkelheit
über Stunden und Tage.
Vielleicht haben sie gedacht:
Sie sind immer gekommen
Sie werden auch jetzt kommen
um mich zu holen,
wieder und wieder,
ohne zu ahnen,
dass jene, die immer kamen,
längst selbst begraben sind
von den Steinbergen,
meterhoch und unüberwindlich.
Aber andere kamen
von derselben Hoffnung genährt
und gruben unaufhörlich
ihre Hoffnung in die Trümmerberge
ungeachtet
der zerschundenen Hände
und der messerscharfen Steine
sie gruben und graben sich durch
zu dem hoffenden Bündel Leben
und holten es ans Licht.
Und ich frage mich:
Wenn Hoffnung
so ein brennendes Feuer
im Herzen sein kann,
solche Berge versetzt
und so zartes Leben rettet –
Wieviel Hoffnung
bleiben wir
der Welt schuldig
jeden Tag.
Ich will es lernen,
fremdes Kind,
von dir.
25/01/23
Und dann
wenn
zwischen Schläuchen und Nadeln
zwischen Kissen und Kontrollen
der Tod seine Tür öffnet
während du am Bett sitzt
eine weiße Hand in deiner
dann bleib
und schau
und staune
über das Licht hinter der Tür
über das geöffnete Tor
ins Weite
Es ist dieselbe Tür
die sich öffnet
wenn du
nach Schmerzen und Schreien
nach Atmen und Warten
dieses hauchzarte Kind aufnimmst
und dich in seinen Augen verlierst
in dem Blick von weit her
bleib
und verliere dich
und staune
über das Licht in den Augen
über das geöffnete Tor
ins Weite
Es ist dieselbe Tür
die sich öffnet
wenn du
zwischen Zartheit und Lust
zwischen Haut und Haar
dem Liebsten hautnah bist
eins im anderen
unbegrenzt umarmt
auf Flügeln gebettet
bleib
fühle und fliege
und staune
Es ist immer dieselbe Tür
es ist immer dasselbe Licht
dieselbe einladende Weite
In der Geburt
Im Tod
Und in der Liebe.
12/12/22
Kein Raum
denn sie haben keinen raum in der herberge
also bleibt das göttliche das zur welt kommen will draußen vor der tür
jene die ihm goldene decken bringen um es zu retten
müssen heilige sein
12/2020
Weihnachtskrippe im Dom zu Palermo, Januar 2020
26/11/22
Vorabend
Ich liebe ihn, den Vorabend zum 1. Advent. Die Stille der Erwartung. Der Beginn der Lichterzeit. Ich hole die Kiste mit dem Adventsschmuck aus dem Regal. Vorsichtig hole ich sie alle hervor: die selbstgebastelten Sterne der Kinder („Die hängst du aber nicht mehr auf, Mama!“), die Krippe aus meiner Kindheit. Und den Engel meiner Großmutter – ich glaube, er ist mein langjährigster Adventsbegleiter. Wie alt er ist, weiß ich nicht. Er kam auf Umwegen zu mir. Aber er muss sehr alt sein, vielleicht hat er schon den Krieg überlebt. Er ist ein bisschen abgewetzt, seine Flöte schon abgebrochen. Aber er steht immer noch Jahr für Jahr neben den grünen Zweigen in meinem Zimmer. Aufrecht, wie meine Großmutter. Sehr fromm war sie, und sehr aufrecht. Sie ertrug es nicht, wenn jemandem Unrecht geschah. „Da liegt kein Segen darauf“, sagt sie dann immer. Und ich weiß nicht, wie oft ich mich im letzten Jahr an diesem Satz festgehalten habe. Ich weiß noch nicht genau, wie wir in diesem Jahr Advent feiern sollen. Zwischen dem Krieg in der Ukraine und den rechten Aufschwüngen in Europa, zwischen Klimakatastrophe und Inflation. Da fällt mir vieles ein, aber nicht „O Du fröhliche“. Da steht er der Engel. Klein und aufrecht, ramponiert und auf seltsame Weise heil. „Fürchte dich nicht“, wäre sein Text in der Weihnachtsgeschichte. Vielleicht hat er recht. Er, der schon so viel erlebt hat. Vielleicht hilft es, sich nicht zu fürchten. Aufrecht zu bleiben wie er, wie die Großmutter. Beharrlich zu bleiben gegen das Unrecht. Und darauf zu vertrauen, dass Frieden immer noch werden kann. Alles dafür zu tun, dass Frieden werden wird. Großmutter würde wahrscheinlich sagen: „Da liegt Segen drauf.“
25/11/22
Hörst du
Hörst du mein Liebster hörst du den Krieg? Hörst du die berstenden Bomben die betenden Mütter und die verstummten Kinder? Leg deine Hand auf meine Ohren nur eine Nacht lang sie sind so wund geworden. Hörst du mein Liebster, hörst du – ein Lied! Hörst du das Licht in den Klängen die Töne, die Worte, die Harmonie in allen Farben? Leg mir dein Lied auf meine Haut dass es sie schütze gegen die raue Welt. Lass uns, mein Liebster, lass uns nun ruhen unter dem Mantel der Strophen Nur diese Nacht lang lass uns lauschen dem Licht. Dann lass uns gehen die betenden Mütter zu umarmen und den verstummten Kindern dein Lied zu singen. Jeder Ton wird sie schützen und uns in der Nacht der Welt. März 2022
07/10/22
Die Frauen von Teheran
Sie werfen ihre Kopftücher ins Feuer Sie werfen alles, was sie haben in den Ring Sie werfen endlich morsche Regeln aus dem Fenster Und ihre Sterbensängste geben sie dem Wind Sie werfen Sie werfen sich dem Leben in die Arme Der Freiheit und dem Recht, sie selbst zu sein Mit starken Armen ihren endlos starken Herzen werfen sie sich und uns in eine neue Welt hinein Sie wachsen Sie wachsen jeden Tag ein Stück zusammen Sie schneiden Haare und die wachsen wieder nach Sie wachsen immer weiter über alle Grenzen und wachsen über sich und uns hinaus Sie werfen wachsen schneiden wachsen singen wachsen schreien wachsen und wachsen und keiner keiner keiner keiner
soll sie jemals wieder einfangen und klein halten und einsperren und verhüllen und demütigen und schlagen zu Boden werfen und am Wachsen hindern. Denn sie sind groß! Und aus der Asche ihrer vielen Feuer der geworfenen Tücher der geschnittenen Haare der geschrienen Wut wächst glutrot ein neues Leben.